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Trauma: Ein Leben in Fragmenten

von Seelenstreiferin | Eva

„Hallo, mein Name ist Eva und ich komme aus Wien…“ – so stelle ich mich vor, wenn jemand fragt, wer ich bin. Damit beginnt eine manchmal so, manchmal etwas anders formulierte Erzählung: eine Erzählung über die Geschichte meines Lebens.

Wir erzählen uns die Welt

Wir sind es gewohnt, von solchen und vielen weiteren Geschichten umgeben zu sein. Als Kinder können wir nicht einschlafen, bevor wir nicht mindestens eine Gute-Nacht-Geschichte gehört haben; als Erwachsene fiebern wir dem Finale einer spannenden Serie entgegen, um endlich zu erfahren, wie sie ausgeht. Auch unser eigenes Leben ist eine Geschichte, die wir immer wieder neu und immer wieder anders erzählen – je nachdem, wer gerade zuhört. Im Lebenslauf präsentieren wir eine zusammenhängende berufliche Biographie, auf Instagram dagegen erzählen wir der Welt, aber auch uns selbst, unsere Geschichte in schönen Bildern.

Und dann, das Trauma

Aber wenn wir ein Trauma erlitten haben, reißt es uns ruckartig aus dieser Welt voller Erzählungen und Geschichten heraus. Auf einmal ist da nichts, was es zu erzählen gibt; oft nicht mal eine richtige Erinnerung daran. Schon gar nicht sind wir in der Lage, eine kohärente Geschichte darüber zu erzählen, was uns widerfahren ist. Stattdessen beginnen wir, in Fragmenten zu leben: in Spannungszuständen, die keinen Sinn ergeben, in Bildern und Erinnerungen, die plötzlich auftauchen und uns verstören. Unsere Mitmenschen erzählen weiter ihre Geschichten, während wir daneben stehen und weder unser eigenes Leben noch das der anderen verstehen können.

Ein Leben in Fragmenten

Was ist ein Trauma?

Was aber ist ein Trauma überhaupt? Nachdem es immer wieder Verwechslungen zwischen diesem und anderen Begriffen gibt, lohnt es sich, die Definition in dem internationalen Diagnose-System ICD-10 näher anzuschauen:

…ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.

ICD-10, F43.1

Ein Trauma ist also kein reiner innerer Konflikt, sondern entsteht durch eine bedrohliche Situation und zusätzlich dem Gefühl, dieser Situation schutzlos ausgeliefert zu sein. Das bedeutet auch: Vor einem Trauma ist niemand gefeit. Es kann uns alle treffen, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, mit dem wir nicht umgehen können.

Ein Blässhuhn durchbricht die Ruhe des Sees

Auch die folgende oft zitierte Definition zeigt, dass es sich bei einem Trauma um ein äußeres Ereignis handelt, das wir als überwältigend empfinden:

Ein psychisches Trauma ist ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und eigenen individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit dem Gefühl von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltbild bewirkt.

Fischer und Riedesser 1998: 79

Zentral ist dabei, wie wir die Situation erleben. Sind wir gut darauf vorbereitet, dass es in einem Haus zu brennen anfängt – etwa, weil wir bei der Feuerwehr arbeiten und wissen, wie wir mit Bränden umgehen -, ist die Situation vergleichsweise wenig belastend. Anders sieht es aus, wenn wir mitten in der Nacht aufwachen, weil uns ein beißender Geruch in die Nase steigt. Dann ist es gut möglich, dass wir dieses sogenannte „vitale Diskrepanzerlebnis“ zwischen der lebensbedrohlichen Situation und unseren eigenen Handlungsmöglichkeiten erleben.

Alles durcheinander

Über kurz oder lang

Der Brand eines Hauses bleibt aber hoffentlich ein einmaliges Ereignis. Davon zu unterscheiden sind traumatisierende Situationen, die immer wieder oder sogar dauerhaft geschehen: sexueller Missbrauch, Verwahrlosung, Gewalt, um nur einige Stichwörter zu nennen. Hier erfahren wir über einen längeren Zeitraum, dass unsere Möglichkeit selbstbestimmt zu handeln massiv eingeschränkt sind. Ob über kurz oder lang: Ein Trauma führt jedenfalls dazu, dass unser „Selbst- und Weltbild“ dauerhaft erschüttert wird.

Bruchstücke & Fragmente

Das kann (aber muss nicht) zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen: zu Angstzuständen, Panikattacken, Wutanfällen, Depressionen, Flashbacks, verstörenden Erinnerungen und vielem mehr. Das Erlebte kann gar nicht oder nur bruchstückhaft erinnert werden, die Geschichte des eigenen Lebens bricht ab; im schlimmsten Fall können wir gar kein richtiges Narrativ entwickeln, wer wir eigentlich sind.

Aufgespießt und hängengeblieben

Und dann?

Mit dieser ersten Annäherung an den Begriff Trauma möchte ich es mal belassen. Hier auf seelenstreifen.at wird es aber noch öfter um das Thema gehen. Mir ist es persönlich wichtig, öffentlich darüber zu schreiben, weil es hierzulande kaum Plattformen gibt, um sich über die vielfältigen Ursachen und Folgen einer Traumatisierung zu informieren. Dabei gibt es auch in Österreich viele Betroffene, die womöglich gerade ratlos und verzweifelt vor den Fragmenten ihres Lebens stehen. In diesem Sinne: Bis bald auf seelenstreifen.at!


Literaturquellen:

Fischer Gottfried, Riedesser Peter (1998): Lehrbuch der Psychotraumatologie. München/Basel: Reinhardt Verlag

ICD-10: https://www.icd-code.de/

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