…oder Psychopharmaka?

von Stadtstreunerin | Eva

Der österreichische Politiker Karl Nehammer (ÖVP) hat mich schon einmal dazu gebracht, einen Artikel auf Stadtstreunen.at zu veröffentlichen: Im Jänner 2021 hat er, damals noch als Innenminister, georgische und armenische Kinder, die in Wien in die Schule gegangen sind, abschieben lassen – allen Protesten zum Trotz. (Rechtmäßig war die Aktion tatsächlich nicht, wie sich später gezeigt hat.) Ich habe damals darüber geschrieben, dass traumatische Erfahrungen (wie mitten in der Nacht abgeschoben zu werden) einen politischen Aspekt haben, den wir nicht außer Acht lassen dürfen: Trauma ist politisch.

Mittlerweile zum Bundeskanzler gekürt, macht Nehammer keine bessere Figur, was den Umgang mit psychischer Gesundheit in diesem Land angeht. Im Rahmen des ÖVP-Landesparteitags in Tirol hat er vor Kurzem versucht, der derzeitigen Krisenstimmung einen Witz entgegenzuhalten:

„Wenn wir jetzt so weitermachen, gibt es für euch nur zwei Entscheidungen nachher: Alkohol oder Psychopharmaka. Und ich sag: Alkohol ist grundsätzlich okay.“

Diese Aussage ist gleich in zweierlei Hinsicht problematisch und eines Kanzlers nicht würdig: Nehammer verharmlost damit einerseits das Suchtgift Alkohol, von dem in Österreich Schätzungen zufolge rund 340.000 Menschen abhängig sind (inklusive aller gesundheitlichen und sozialen Folgeschäden, die eine Alkoholabhängigkeit mit sich bringt). Andererseits zieht er damit Psychopharmaka auf eine Weise ins Lächerliche, die mir völlig unangebracht erscheint.

Es sollte nur ein Witz sein, schon klar. Aber es ist ein heikles Terrain, auf dem sich Nehammer bewegt, und er hat wahrlich kein Geschick dafür. Man kann ihm gut und gerne unterstellen, dass ihm jedes Verständnis für psychische Gesundheit fehlt. (Übrigens stellen alkoholkranke Menschen die größte Gruppe von Patient*innen in psychiatrischen Kliniken.) Aber bevor ich mich weiter über Herrn Nehammer ärgere – dies ist schließlich nur am Rande ein politischer Blog -, möchte ich im Folgenden mehr über Psychopharmaka schreiben.

Psychopharmaka haben ab den 1950er Jahren die Behandlung psychisch kranker Menschen revolutioniert. Begonnen hat es im Jahr 1949, als der australische Psychiater John Cade entdeckte, dass das chemische Element Lithium gegen manische Zustände wirkt. Wenige Jahre später, 1953, wurde das erste Antipsychotikum entwickelt, ein Medikament gegen schizophrene Psychosen. 1957 folgte das erste Antidepressivum, ab den 1960er Jahren kamen Benzodiazepine (Beruhigungsmittel) auf den Markt. Zwar gab es bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts psychisch wirksame Substanzen, etwa Morphium oder Barbiturate. Aber erst ab 1950 wurde es möglich, gezielt schwere psychische Krankheiten zu behandeln und teilweise unerträgliche Leidenszustände zu lindern.

„Schwer“ ist hier ein gutes Stichwort: Wir sprechen nicht von leichten Stimmungstiefs, sondern von schweren bis schwersten Krankheiten! Dass psychische Krankheiten – beispielsweise Schizophrenie, Angsterkrankungen oder Depressionen – heute oftmals einen guten Verlauf haben, verdanken wir auch diesen Medikamenten. Dennoch haben Psychopharmaka keinen guten Ruf: Vorurteile und Ängste sind hartnäckiger als Erfolgsgeschichten. Das spiegelt sich ein Stück weit auch in dem missglückten Witz wider.

Neben der sogenannten Pharmakotherapie ist es immer empfehlenswert, begleitend eine Psychotherapie zu machen. Bei manchen Krankheiten, wie der Anorexie oder der Borderline-Persönlichkeitsstörung, ist Psychotherapie überhaupt die wirkungsvollste Behandlungsart, weil es keine geeigneten Medikamente gibt. Allerdings nur, sofern das möglich ist: Psychotherapie ist teuer und kassenfinanzierte Plätze sind selten (aber das ist ein anderes Thema).

Psychotherapie, so wirksam sie ist, hat aber ihre Grenzen, und auch Medikamente sind nicht alles. Damit es uns besser geht, muss sich gegebenenfalls auch das Umfeld ändern, die finanzielle Situation verbessern, der Stress am Arbeitsplatz weniger werden und so weiter – wir Menschen sind eben mehr als unser Gehirn (wo die Medikamente ansetzen). Tja, da wären wir auch wieder bei den momentanen Krisen und den politischen Rahmenbedingungen, die uns das Leben einfacher und besser machen könnten. Und das ist jetzt kein Witz!


Literaturquellen

Paulitsch Klaus, Karwautz Andreas (2019): Grundlagen der Psychiatrie. Wien: facultas Universitätsverlag

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